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„Warum Frau Müller überlebt, Frau Schmitz aber nicht.“

Ein Impuls bei der Veranstaltung „Stadtklima – Die Stadt Köln im Zeichen des Klimawandels“.

Die Veranstaltung

Wie können, wie müssen wir uns an den Klimawandel anpassen? Darum ging es am 7. September 2019 im VHS Forum im Museum am Neumarkt. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Henriette Reker mit dem Versprechen, dass Köln „so schnell wie möglich“ klimaneutral werden solle, danach stellten Vertreter von Wissenschaft, Stadtplanung und aus städtischen Betrieben Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel dar.

Dabei ging es primär um technische Maßnahmen – zum Beispiel die Frage, wie wir Starkregenereignisse baulich berücksichtigen können?

Wir waren auch eingeladen, und Martin Herrndorf hat ein Plädoyer für eine kooperativen, gemeinschaftlichen Ansatz in den Stadtviertel gehalten.

Hier der Impuls in voller Länge:

Warum Frau Müller überlebt, Frau Schmitz aber nicht.

Über Klimawandel, Resilienz und Sozialkapital in Stadtquartieren

Vielleicht haben Sie beim Titel schon ein bisschen geschmunzelt, vielleicht ist es Ihnen auch ein bisschen im Halse stecken geblieben. In beiden Fällen hat der Titel funktioniert, denn ganz am Anfang meines Vortrags wollte ich damit zwei Dinge klar machen.

Zum einen: Die Anpassung an den Klimawandel in Stadtquartieren ist kein Luxus- oder Nischenprojekt, sondern eine fundamentale Aufgabe des Gesundheitsschutzes und der Gesundheitsvorsorge. Sie ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Frage von Leben und Tod. Drastisch klar wurde dies zum ersten Mal bei der Hitzewelle in Frankreich: Man kann auch, still und leise, mitten in einem reichen Land verdursten.

Zum zweiten: Bei der Anpassung an den Klimawandel müssen wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Zwar gibt es eine ganze Reihe wichtiger technischer Maßnahmen – vom Hochwasserschutz bis zu smarten Apps und Datensystemen. Trotzdem müssen die Maßnahmen am Ende für die Menschen in den Quartieren funktionieren, ganz pragmatisch und auch unter den härteren Bedingungen, wie wir sie in den nächsten Jahren erfahren werden.

Warum wurden wir eingeladen, dazu einen Beitrag zu machen? Ich versuche mal eine Erklärung. Als Agora Köln organisieren wir seit Jahren den Tag des guten Lebens in unterschiedlichen Vierteln. Ein Tag ist autofrei, man kann und muss den Sonntag anders bewältigen und man muss ihn anders füllen.

Der Tag des guten Lebens unterbricht die Routine in den Stadtvierteln – sowohl die tägliche Routine als auch die jährliche – auf die Stadtteilfeste haben sich ja alle eingestellt. Der Tag ist das, was Sozialwissenschaftler als „Schock“ bezeichnen. Er ist ein Impuls, der das eingespielte System in den Stadtvierteln durcheinanderbringt, für den Tag selber aber auch für die Monate davor und danach, etwas, dass die Dinge in Bewegung bringt.

Weil wir mittendrin in diesem „Schock“ sind können wir sehr genau beobachten, wie Menschen und Gemeinschaften darauf reagieren. Wer versteht das Projekt, wann und wie, wer erkennt seine Auswirkungen, wie organisieren und vernetzen sich die Menschen vor Ort, um am Tag des guten Lebens aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu machen?

Was wir dabei beobachten können ist das, worum es ja heute geht: Gute und gelungene Anpassungsprozesse an Veränderungen, also in Fachsprache: Resilienz. Der Tag des guten Lebens bietet den Gemeinschaften vor Ort die Möglichkeiten, dabei in einem überschaubaren Rahmen ihren „Resilienzmuskel“ zu erproben. Denn genau wie ein Muskel verkümmert, wenn man oder frau ihn nicht nutzt, lernen oder verlernen auch Gemeinschaften, mit Schocks umzugehen.

Was hat das jetzt mit Frau Müller und Frau Schmitz zu tun? Ich möchte Ihnen zwei Geschichten zu den beiden Damen erzählen. Wie jede gute Geschichte verweben sie Wahrheit und Ausgedachtes, Frau Müller und Frau Schmitz gibt es nicht wirklich, zumindest nicht so in der Zuspitzung.

Sie sind beide Mitte 80, sie wohnen in zwei Kölner Stadtvierteln – jeweils in einer Mietwohnung im dritten Stock in einer eher ruhigen Seitenstraße. Ihre Partner sind vor ein paar Jahren verstorben, ihre Kinder sind weggezogen und kommen nur alle paar Wochen oder Monate zu Besuch. In beiden Stadtvierteln haben Stadtwerke und Stadtverwaltung ganze Arbeit geleistet: Es werden Daten erhoben und gemessen, es gibt Warn-Apps und eine Info-Internetseite der Verwaltung „Wie Sie sich auf den Klimawandel vorbereiten können“.

Warum überlebt jetzt Frau Müller – und Frau Schmitz nicht? Dafür müssen wir uns die Viertel ein bisschen anschauen.

Im Stadtviertel von Frau Müller sollten vor ein paar Jahren die Bäume auf der Hauptstraße gefällt werden – sie waren in die Jahre gekommen, zudem sollte die Bahnlinie erweitert werden. Dagegen regte sich schnell Protest. Anwohnerinnen und Anwohner, die sich aus der Kirchengemeinde, aus dem Kegelclub, aber auch vom gemeinsam organisierten Straßenfest und dem Grillen im Park kannten, organisierten sich, formulierten eine Petition und gestalteten Plakate und Flyer. Weil sie bereits gute Kontakte zu den Medien und der Stadtverwaltung hatten, gab es schnell Berichterstattung und eilige Gespräche hinter den Kulissen. Es konnte ein Kompromiss gefunden werden – die Hälfte der Bäume blieb. Auch, als der benachbarte Acker zum Neubaugebiet wurde, lief es ähnlich: Mit dem Ergebnis, dass eine Grünschneise freigehalten und ein See und Bachlauf angelegt wurden. Und auf dem zentralen Platz im Viertel, lange verwahrlost, hat eine Künstlergruppe in Kooperation mit der Stadtverwaltung den großen Brunnen wieder in Gang gesetzt, der jetzt Wasser und Kühle spendet.

Auch im Stadtviertel von Frau Schmitz sollten Bäume gefällt werden. Die Anwohnerinnen und Anwohner kannten sich nicht wirklich, der Widerstand war gering, und das Grüppchen, das sich gesammelt hatte, wurde von den anderen als Sektierer ausgelacht. Ohne Kontakte zu Medien und Politik blieben die DIN A4-Zettel in den Fenstern unbeachtet – und weil es einfacher und ja auch schon beauftragt war, wurden die Bäume gefällt.

Auch als ein paar Jahre später die Stadtverwaltung ein Programm zur Dach- und Fassadenbegrünung aufsetzte, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Frau Müllers Vermieter wohnt ein paar Häuser nebenan und hat im Gemeinschaftsgarten seine Leidenschaft für die Pflanzen entdeckt. Er kümmert sich um den Zuschuss der Stadt und pflanzte, gemeinsam mit seinen Mieterinnen und Mietern, Rankpflanzen und legte auf dem Garagendach eine grüne Oase an.

Die Straßenzüge von Frau Schmitz gehören einer Immobiliengesellschaft mit Sitz in Luxemburg. Von den Förderprogrammen hat diese nichts mitbekommen, auch der schlecht bezahlten Hausverwaltung, die ebenfalls nicht vor Ort ansässig ist, war es egal. Die Fassade von Frau Schmitz blieb grau.

Die Jahre vergingen und die Sommer wurden heißer und trockener, ein Rekord jagte den nächsten, die Bäume litten unter dem Stress. Auch Frau Müller und Frau Schmitz machten sich Sorgen – welkes Laub im Juli, die Welt ist verrückt geworden.

Auf dem Weg zum Einkaufen trifft Frau Müller eine Bekannte aus der Kirchengemeinde – die nicht eine, sondern direkt zehn bunte Gießkannen unterm Arm hat. Warum? Die beiden kommen ins Gespräch. Ihre Bekannte möchte die Kannen im Stadtviertel verteilen, um ihre Nachbarn dazu zu ermutigen, die Bäume zu gießen. Besonders die jungen Bäume! Schnell gibt es eine Diskussion, auf der Straße und in den sozialen Netzwerken, und am nächsten Tag am Nachmittag schleppen Dutzende Freiwillige Wasser aus ihren Wohnungen auf die Straße. Frau Müller selber ist das zu viel, aber sie sitzt an ihrem Fenster und freut sich über das Engagement. Und weil die Nachbarn einen guten Draht zur Stadtverwaltung haben, wird bald sogar ein Hydrant geöffnet, damit die Bewässerung noch schneller geht.

Auch bei Frau Schmitz im Viertel gibt es noch ein paar Bäume. Weil keiner gießt, gehen die als Ersatz für den Altbestand gepflanzten Bäume bald ein. Die Feuerwehr kommt erst nach ein paar Wochen ins Stadtviertel, für die jungen Bäume ist das zu spät.

Zeit für eine Zwischenbilanz: Weil die Bäume verdunsten und kühlen, weil es Frischluftschneisen gibt, weil der Bewuchs die Fassade vor direkter Sonneneinstrahlung schützt, ist es in der Straße und in der Wohnung von Frau Müller um einiges kühler als in der von Frau Schmitz. Der Unterschied liegt dabei nicht in den physikalischen Begebenheiten – sondern in den menschlichen Beziehungen vor Ort!

Dabei gehen die Unterschiede erst richtig los.

Weil Frau Müller vor Jahren einen Handykurs gemacht hat, organisiert von ihrer Gemeinde und dem lokalen Hackerspace, hat sie sich ein Handy gekauft und ein paar Apps installiert. Darunter ist die Warn-App, die Hitzewellen ankündigt, Frau Müller vermeidet dann Reisen oder anstrengende Tätigkeiten. Sie hat aber auch eine Online-Shopping-App der lokalen Supermarktkette installiert – damit kann sie sich bei Hitze Obst, Gemüse und einen Kasten Säfte direkt nach Hause tragen lassen, von „netten jungen Männern“ wie sie gerne betont, bis in den dritten Stock. Der Lieferdienst funktioniert selbst dann, als in einem Monat das Benzin knapp wird – weil die Kette ihre Logistik durch Elektro-Lieferfahrzeuge und Lastenräder ergänzt hat. Und natürlich nutzt Frau Müller mehrere Messenger, über die sie sich mit ihren Nachbarn austauscht, direkt oder in Gruppen. Und natürlich mit ihren Kindern und Enkeln.

Zudem hat ein Freiwilligenteam, die sich bei einer Parkaufräumaktion kennengelernt haben, einen „Not-Kühlraum“ im Keller der Kirchengemeinde von Frau Müller eingerichtet. Steigen die Temperaturen über 35 Grad bekommt Frau Müller per Messenger Bescheid und kann sich zurückmelden, ob sie abgeholt werden möchte. Gemeinsam mit anderen Menschen aus dem Viertel sitzen sie dann im Keller, singen gemeinsam oder machen Gedächtnisübungen.

Frau Schmitz hat kein Handy – ihr Sohn hatte ihr mal eins zu Weihnachten geschenkt, aber weil sie ihren PIN vergessen hat, hat sie es bald nicht mehr benutzt. Wenn es heiß wird, zögert sie das Einkaufen so lange es geht hinaus, vor allem, seit die Bäume keinen Schatten mehr spenden.

Wenn Frau Müller sich schlapp fühlt, sagt sie dem Ehrenamtlerteam im Viertel Bescheid. Meistens kommt dann jemand vorbei – vor allem, wenn Frau Müller mal nicht auf Nachrichten reagiert. Auch zum Arzt lässt sie sich manchmal begleiten, vor allem, wenn es eh schon heiß ist.

Wenn Frau Schmitz sich schlapp fühlt, legt sie sich hin und hofft, dass es wieder besser wird. Zum Arzt geht sie ungern, sie möchte niemanden zur Last fallen und versucht, jeden Aufenthalt draußen zu vermeiden.

Sie sehen, worauf es hinausläuft. Wir kennen die baulichen und technischen Lösungen. Wir wissen, dass Frischluftschneisen wichtig sind, dass Straßenbäume über Schatten und Verdunstung kühlen, dass digitale Tools helfen können, den Alltag im Klimawandel, zum Beispiel bei Hitzewellen, zu begleiten.

Aber damit die baulichen Veränderungen geschehen und instandgehalten werden, damit insbesondere verletzliche Menschen digitale Tools nutzen und Hilfe in Anspruch nehmen, braucht es menschliche Beziehungen – Sozialkapital. Damit dieses Sozialkapital entstehen und wirksam werden kann, sind mehrere Faktoren wichtig, und diese werden auch schon in den Geschichten angedeutet.

Zum einen: Wir brauchen Netzwerke, die alte und neue, formelle und informelle, online und offline Gemeinschaften überbrücken. So haben sich die Bürgervereine am Rathenauplatz oder am Eigelstein, aber auch die Bürgerzentren in Deutz und Ehrenfeld erfolgreich für neue, informelle Gemeinschaften geöffnet. Das öffentliche Gärtnern oder Stricken sind halt nicht nur Hobbys – sondern zentrale Praktiken, um gemeinschaftliches Handeln einzuüben. Auch Wohlfahrtsorganisationen und soziale Träger stehen vor dieser Herausforderung.

Zum zweiten: Die Netzwerke in den Vierteln müssen an formale Strukturen andocken können, es bräuchte Brückenschläge in die Stadtverwaltung rein – und das nicht nur an die Spitze, sondern auch in die Arbeitsebene, um Probleme schnell und unbürokratisch lösen zu können. Ob Deutz Dialog, Ebertplatz oder Rathenauplatz (oder beim Tag des guten Lebens selbst): Dort, wo diese Verbindungen und Vernetzungen bestehen, laufen die Dinge besser.

Zum dritten: Diese Netzwerke müssen nicht nur Alltagsprobleme lösen, sondern auch politisch wirksam werden, um das Grün in der Stadt sowie die Orte für Gemeinschaftlichkeit zu bewahren und zu pflegen.

Wo stehen wir jetzt in Köln? Sind wir eher das Viertel von Frau Müller oder das von Frau Schmitz? Die Antwort ist komplexer: Überall gibt es Engagement und Sozialkapital, Menschen, die sich engagieren und vernetzen, an manchen Stellen mehr und an anderen Stellen weniger. Manche der Beispiele sind sehr direkt unseren Erfahrungen in den Stadtvierteln entnommen – ob dem Rathenauplatz, wo Bürger sich gemeinsam einsetzen, im Bürgerverein und weit darüber hinaus, Deutz oder Ehrenfeld.

Wenn ich an die Platanen in der Bonner und der Schönhäuser Straße denke und an die dort  immer noch geplante Kreuzung und Abholzung, wenn ich an die geplanten Versiegelungen im Grüngürtel denke, dann sind wir das Viertel von Frau Schmitz. Wenn ich am Ebertplatz am Brunnen sitze oder das Engagement am Rathenauplatz beobachte, die neuen Bäume in der Severinstraße – dann wähne ich mich im Stadtviertel von Frau Müller.

Daraus erwächst ein Arbeitsprogramm für uns alle. Es braucht die technischen Lösungen – aber es braucht auch die Verankerung im Viertel und die Vernetzung vor Ort, um die technischen Lösungen denen zugänglich zu machen, die sie benötigen. Wir brauchen Orte und Freiräume der Vernetzung und des gemeinschaftlichen Engagements, ob Bürgerzentrum, Kulturräume oder Gemeinschaftsgärten – nicht zuletzt hier spielen die Stadt und Zivilgesellschaft wichtige Rollen.

Text: Martin Herrndorf, September 2019

Ganz zuletzt möchte ich Sie natürlich gerne einladen. Kommen Sie am 15. September 2019 zum Tag des guten Lebens. Schauen Sie einem Stadtteil, ja, einer ganzen Stadt dabei zu, wie sie ihren Resilienzmuskel übt. Und was Sie dort vielleicht sehen werden ist, dass Resilienz nicht nur eine Frage von Leben und Tod ist, sondern dass Resilienz, wenn sie vom Menschen her gedacht ist, auch Spaß machen kann.

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