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Und jetzt alle zusammen!

Letztes Jahr haben wir ihn gewonnen, den Deutschen Nachbarschaftspreis. Dieses Jahr waren wir nochmal zur Preisverleihung und zum „Forum Engagierte Nachbarschaft“ eingeladen und durften dort einen Impuls geben. Hier ist der Text.

Der Deutsche Nachbarschaftspreis der nebenan.de Stiftung zeichnet Projekte aus, die sich vor Ort für ein nachbarschaftliches, gutes Miteinander einsetzen. Am Folgetag der Preisverleihung  fand das „Forum Engagierte Nachbarschaft“ statt, bei dem sich Nachbarschaftsprojekte austauschen und vernetzen sollen.

Mit dem Tag des guten Lebens machen wir dies – und das in gleich mehreren Vierteln. Dabei haben wir als Team in der Agora über die Jahre hinweg einiges gelernt, in der gemeinsamen Suche nach guten Lösungen, die hinter so einem Projekt steckt.

Wir haben uns daher sehr gefreut, dass wir eingeladen waren, hier einen Impuls zu geben. Hier ist der Text – geschrieben von Martin Herrndorf, der den Tag des guten Lebens seit Anfang begleitet und in 2018 für die Kommunikation zuständig war:

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn, von Nah und Fern,

Auch von mir – herzlich willkommen beim „Forum Engagierte Nachbarschaft“.

Ich bin eingeladen, um hier über den „Tag des guten Lebens“ zu berichten, mit dem wir im letzten Jahr den Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen haben. Und um ein paar Gedanken zu Nachbarschaft und dem Engagement in den Raum zu werfen.

Was machen wir?

Wir organisieren einen autofreien Sonntag, einmal im Jahr in einem jeweils neuen Stadtviertel in Köln. In den Monaten davor lernen sich die Nachbarinnen und Nachbarn neu kennen, tauschen sich aus, organisieren sich, planen gemeinsam den Tag an sich und die einzelnen Aktionen. Am Tag des guten Lebens selber erleben sie ihr Viertel neu, autofrei und lebendig, kreativ und engagiert. Aus der Aufbruchstimmung, die das erzeugt, ist viel geschehen in den letzten Jahren: Unzählige Freundschaften und Initiativen, Kunst und Politik, tausende kleine Geschichten und Begegnungen in immer neuen Straßen und auf neuen Plätzen.

Für uns heißt das Wandern durch die Viertel, dass wir uns zuerst verschiedene Viertel anschauen und überlegen, wo der Tag hinpasst: Wo gibt es spannende Themen, wo funktioniert er logistisch, wo haben genug Menschen Lust auf den öffentlichen Raum und den Tag? Dann geht es los: Wir kontaktieren die Menschen vor Ort, in Schulen, Bürgerzentren und Vereinen, aber auch auf der Straße. Wir führen hunderte Gespräche, laden engagierte Nachbarinnen und Nachbarn ins Team ein und versuchen, skeptische Nachbarinnen und Nachbarn zu überzeugen. Wir organisieren Treffen im Vorfeld, in kleiner Gruppe oder auf der großen Bühne. Diskutieren über Aktionen und Ideen. Verteilen tausende Flyer und Plakate. Entwerfen Absperr- und Umleitungspläne, verteilen Absperrmaterial im Gebiet, ob mit unseren Dienstleistern oder auch selber.

Um dann an einem Tag zu erleben, was alles so in einem Viertel an Ideen und Kreativität steckt, wie ein Stadtviertel funktioniert, in dem einen Tag lang ein auto- und kommerzfreier Raum entsteht. Ein Raum des offenen Dialogs und des Austauschs, des guten Miteinander.

Warum machen wir das Ganze?

Zum einen: Weil es uns Freude bereitet. Weil es schön ist. Weil einem wirklich das Herz aufgeht, wenn Kinder und Hunde sich morgens als erste den öffentlichen Raum erobern, wenn alte Menschen mit dem Besen auf de Straße kommen und erstmal saubermachen: “Wie früher!” . Wenn Nachbarn in ihrer Straße Verantwortung übernehmen, solche, die gerade eingezogen sind und solche, die seit Jahrzehnten da wohnen. Wenn am Abend und in den Wochen danach die Geschichten und Gespräche nachklingen.

Zum anderen, und das ist mir für heute wichtig, weil im Kleinen, im ganz Konkreten vor Ort meiner festen Überzeugung nach wichtige Lösungen für unsere gesellschaftlichen Probleme liegen. Ob Klimawandel oder gesellschaftliches Auseinanderdriften: All das lässt sich nicht per Masterplan lösen, zu groß, zu komplex sind die Herausforderungen. Zu sehr steht die Bedrohung, der Verlust im Vordergrund. Das lähmt uns, als Gesellschaft und als Einzelne.

Aber vor Ort, wenn wir es richtig machen, da lässt sich heute schon erfahren, wie das sein könnte, wenn wir die Probleme in den Griff bekommen. Dass so eine andere Welt schöner, bunter, freier, entspannter, lebendiger und gesünder sein kann als das, was wir heute im Alltag erleben. Dass wir glücklicher und zufriedener sein können, dass unser Leben durch den direkten Austausch und die Begegnung mit anderen Menschen gewinnt. Dass eine andere Mobilität uns freier und flexibler und fitter macht, vielleicht auch bis ins hohe Alter.

Dafür brauchen wir Räume, in denen Zukunft erlebbar ist. Wo wir fühlen können wie es ist, sich zu organisieren, zusammenzuschließen und gemeinsam den öffentlichen Raum, unsere Gesellschaft zu gestalten. Wo wir uns nicht als in die Stadt Geworfene und ihr Ausgesetzte empfinden, sondern als Teil einer Stadtgesellschaft, die sich selber organisieren kann und muss, wenn sie gut in die Zukunft kommen möchte.

Uwe Schneidewind, vom Wuppertal Institut, hat dafür den schönen Begriff „Zukunftskunst“ gefunden. Am Begriff „Zukunftskunst“ gefällt mir das dynamische, erkundende, spielerische Element, dass ja der Kunst zu eigen ist. Genau wie in der Kunst gibt das gemeinsame Erforschen und Erleben der Zukunft in der Nachbarschaft keine finalen Antworten und Wege vor. Es zeigt auch Widersprüche und Spannungen auf, und manchmal misslingt die Suche. Aber sie wird getragen von dem Willen und der Überzeugung, dass wir die Zukunft auf diese Art und Weise gestalten müssen.

Wie müssen wir Zukunftskunst, wie Nachbarschaftsarbeit angehen, damit sie ihren Anspruch einlösen kann?

Zum einen glaube ich, dass es wichtig ist, echte, physisch erlebbare Räume zu schaffen. Diskussionen und Seminare sind gut – aber haben eine hohe Eintrittsbarriere. Wer dort kommt, hat sich oft eh mit dem Thema auseinandergesetzt, meist irgendwie studiert. Aber wir müssen breiter werden: Bei „echten“ Veranstaltungen spielen solchen Barrieren weniger eine Rolle – da können auch Kinder mit anpacken, da können Menschen, die sich nicht so flüssig ausdrücken können, mitschnippeln, kleben, malen, tanzen.

Zum zweiten müssen wir Emotionen und Gefühle ansprechen um die Fronten in unserer Gesellschaft zu überwinden. Wer nicht beim trockenen Argument bleibt, sondern emotionale Erlebnisräume schafft, überwindet die reflexhafte Abwehr von Menschen, die Nachhaltigkeitsthemen neutral oder ablehnend gegenüberstehen. Das, was im digitalen Dialog so oft schiefgeht, funktioniert im echten Leben viel besser: Sich erstmal neugierig auf eine Situation, auf ein „Anderes“ einzulassen ohne es zu bewerten, und sich überraschen zu lassen.

Zum dritten: Wir müssen Menschen mit in Entscheidungen einbeziehen, die sie betreffen, ob im Projekt oder in der Stadtplanung. Das ist einfacher gesagt als getan – nicht jede Idee ist sinnvoll und umsetzbar, und viele Ideen und Meinungen widersprechen sich. Auch beim „Tag des guten Lebens“ gibt es Leute, die seit Jahren dabei sind, Prozesse und Prinzipien, die sich bewährt haben und die wir ungern über den Haufen schmeißen wollen. Wichtig ist es, sich diese Konflikte bewusst zu machen und gemeinsame Gestaltungsräume zu öffnen und offen zu halten.

Zum vierten: Wir müssen aktiv auf die Menschen zugehen. Nachbarschaftsarbeit ist – Arbeit! Es kostet Zeit, Geld und Mühe, wirklich flächendeckend einzuladen, es kostet Energie, Menschen in Gruppen einzubinden, es kostet Überwindung auf Menschen zuzugehen, bei denen wir eine Barriere verspüren. Viele Initiativen werden über die Zeit hinweg gleichförmiger, auch weil die Arbeit unter „Ähnlichen“ oft einfacher und effektiver ist, und sich im Alltagsstress niemand die Mühe macht, auf neue, andere Menschen zuzugehen. Aber genau da wird es spannend, genau da müssen wir die Brücken bauen und brauchen den Dialog.

Zum letzten: Wir brauchen Individuen, die Verantwortung übernehmen und die Dinge in die Hand nehmen. Nachbarschaft und Zukunftskunst funktioniert nur gemeinsam und im Team. Am Tag gibt es dutzende Aktive hinter den Kulissen, 200 Aktionen und 250 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Aber es braucht, überall, auch den einzelnen Menschen, der Initiative ergreift, Menschen zusammenbringt, Prozesse am Leben hält. Menschen, die den Ball ins Spiel bringen und Menschen, die das Spiel am Laufen halten. Wenn das ehrenamtlich geht, ist das toll. Wenn es Geld braucht, muss man dieses beschaffen und Dienstleisterinnen und Dienstleister fair entlohnen.

All diesen Anforderungen werden wir beim Tag des guten Lebens mehr oder weniger gerecht. Oft scheitern wir. Doch genau da wird es ja spannend, wo es noch eine Spannung zwischen der Zukunft und der Gegenwart gibt. Für mich kein Grund zum Verzweifeln, sondern für mehr Engagement. Auch im Wissen, was wir bereits alles erreicht, wie viele Schranken wir überwunden haben.

Ich freue mich darauf, diese Ansprüche und Widersprüche gemeinsam mit euch zu erkunden. In einem spannenden, schönen, entspannten Tag. Der vielleicht einen kleinen Einblick in die nächsten Schritte hin zum „Guten Leben“ für uns alle gibt.

Nach dem Vortrag gab es zum einen engagierte Rückfragen – von Projekten, die Nachbarschaft in ganz unterschiedlichen Kontexten leben. Ganz besonders freuen wir uns natürlich darüber, dass auch anderen Projekte den öffentlichen Raum als Raum für Nachbarschaft erobern wollen.

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